"Das geheime Leben der Bäume" - Anmerkungen zu einem Bestseller

Viele Monate stand das Buch "Das geheime Leben der Bäume" des ehemaligen Försters Peter Wohlleben auf den Sachbuch-Bestseller-Listen. Er beschreibt darin u. a. die Kommunikation der Bäume untereinander, wie sie sich gegenseitig unterstützen, dass Bäume Gefühle haben und dass jeder Eingriff in das Gefüge "Wald" gravierende Folgen hat.


von Stefan Dorschei, Förster des
Lennebergwaldes


Peter Wohlleben warnt deshalb u. a. auch vor dem Einsatz großer Maschinen im Wald. Vieles davon ist dem Fachmann bekannt, aber für den interessierten Laien macht Wohlleben es anschaulicher, indem er z. B. das Pilzgeflecht, das die Baumwurzeln bei der Nahrungsaufnahme und Gefahrenabwehr unterstützt, als eine Art "Internet des Waldes" beschreibt. Was die gegenseitige Unterstützung von Bäumen angeht, trifft dies in manchen Bereichen zu, dass z. B. junge Buchen nur im Schatten ihrer Mutterbäume gut aufwachsen. Andererseits gibt es auch heftigste Konkurrenzkämpfe im Wald - zwischen gleichaltrigen, zum Licht strebenden jungen Bäumen oder im Mischwald, wenn sich, je nach Standortverhältnissen, Lichtbedürfnis und Konkurrenzkraft, die eine oder die andere Baumart durchsetzt und die Unterlegenen absterben.

Wie sähe der Wald ohne menschliche
Eingriffe aus?

Ohne menschliche Eingriffe würden z. B. unter unseren rheinhessischen Verhältnissen typische, aber seltene Baumarten, wie Elsbeere oder Speierling, im Wald verschwinden; ja selbst die Eiche ist vielerorts der Buche im Konkurrenzkampf unterlegen. Im Naturschutz kennen wir das Phänomen der Kulturfolger und den besonderen Artenreichtum bewirtschafteter, gepflegter Flächen. Ähnlich sieht es im Wald aus; z. B. würden die artenreichen, gewünschten, stufig aufgebauten Waldränder von Natur aus nur unter ganz besonderen Bedingungen entstehen.
So erfreulich das Interesse am Wald ist, das sich im Bestsellerstatus des Buches "Das geheime Leben der Bäume" manifestiert, kann jedoch bei der Lektüre der Eindruck entstehen, die meisten Förster würden gefühllos den Wald nur als Holzacker sehen, und es wäre besser, den Wald gar nicht oder höchstens mit Pferden als Holztransportmittel zu bewirtschaften.
Da ich Herrn Wohlleben auch persönlich von einer Exkursion der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, die bei mir im Lennebergwald zu Gast war, kenne, weiß ich allerdings, dass die speziellen naturgegebenen Bedingungen, unter denen Herr Wohlleben in der Eifel im natürlichen Verbreitungsgebiet der Rotbuche arbeitet, gänzlich andere sind als in vielen anderen Wäldern - so auch beispielsweise im größten Waldgebiet Rheinhessens, dem Lennebergwald.
Während in der Eifel die Buchen in ihrem natürlichen klimatischen (kühlfeuchten) Optimum auf geeigneten Böden gedeihen, wachsen auf den Sanddünen des Lennebergwaldes im trockenheißen Rheinhessen die "Hungerkünstler" Kiefern. Zudem hatte der Lennebergwald in unserem - spätestens seit den Römern - dichtbesiedelten Raum mehrfach unter Zerstörung durch Rodungen, Waldbrände und Kriege (zuletzt durch die Belagerung von Mainz vor 200 Jahren sowie im ersten und zweiten Weltkrieg) zu leiden.
Insbesondere nach dem 2. Weltkrieg wurden im Lennebergwald großflächig Kahlschläge durchgeführt, um Wiedergutmachung an die von Deutschland überfallene Französische Nation zu leisten. Außerdem mussten 1950 vom eigens dafür gegründeten "Zweckverband zur Erhaltung des Lennebergwaldes" 500.000 Mark aufgebracht werden, um der Familie Waldthausen das zentrale Drittel des Waldes rund ums Schloss abzukaufen, das sonst bebaut worden wäre.

Der Lennebergwald leidet - an den
Fehlern der Vergangenheit

Diese Kahlflächen wurden - nach damals üblicher Art - mitsamt den Wurzelstöcken gerodet und extrem dicht mit Kiefern ausgewählter forstlicher Qualität, u. a. aus dem Pfalzer Wald, bepflanzt. Leider sind diese Herkünfte an die besonderen klimatischen Verhältnisse Rheinhessens und die Standorte des Lennebergwaldes nicht angepasst, was wir heute, 40 bis 70 Jahre später, leidvoll spüren.
Aktuell ringt der Lennebergwald als Folge der Sommertrockenheit 2015 (wie 1990 und 2003) mit einer Massenvermehrung von Borkenkäfern, die nur durch konsequente Fällung der befallenen Kiefern eingedämmt werden kann. Die Pflege der 40 bis 70 Jahre alten, z. T. meterhoch mit Brombeeren und Waldreben durchwucherten Kiefernbestände ist schon allein aus Gründen der Arbeitssicherheit mit Waldarbeiter, Motorsäge und Schlepper nicht möglich. An Einsatz von Pferden ist gar nicht zu denken, weil sie an dem Bodenbewuchs hängen bleiben und sich die Fesseln aufreißen würden.
Deshalb müssen im Spätsommer 2016 Vollernter (Harvester) eingesetzt werden, die von den Rückegassen aus die markierten Bäume faHen, entasten, in verkaufsfahige Holzsortimente einschneiden und an der Rückegasse ablegen. Ein weiteres großes Fahrzeug, der Tragschlepper (Forwarder), wird danach von der - mittlerweile mit dem Kronenholz der gefaHten Bäume ausgelegten - Rückegasse aus das Holz aufladen und es am Wegrand bzw. den sogenannten Polterplätzen ablegen.
So einschneidend diese Maßnahme auf rund 10 Prozent der Waldfläche für den Lennebergwald auch sein wird, bietet sie jedoch auch die Chance für einen Umbau hin zu einem stabileren Wald. Auf Böden, die besser das Wasser speichern, stehen schon Laubbäume, die nur auf mehr Licht warten, um in die Höhe zu wachsen. Auf den trockenen Standorten verjüngen sich auf natürlichem Weg Kiefern, und zusätzlich werden Kiefern aus dem Mainzer Sand, die eigens dafür nachgezogen werden, nachgepflanzt. Sie werden - wie man an den alten Bäumen sehen kann - auch starke Trockenjahre, die ja womöglich künftig häufiger auftreten werden, besser vertragen.
Ein "natürlicher" Wald, wie ihn Peter Wohlleben in seinem Bestseller propagiert und wie er im Nationalpark Hunsrück-Hochwald entstehen soll, wäre im Lennebergwald nur denkbar, wenn man den Erhalt der seltenen Sandflora, die seine Besonderheit und Schönheit ausmacht, aufgäbe.